16.07.2016

VOR 18 JAHREN ERSCHIEN ZULETZT EINE AUSWAHL SEINER SCHRIFTEN

Fritz Bauer zum Geburtstag


Irmtrud Wojak

1998 erstmals erschienen und
seit Jahren vergriffen

Im Jahr 1963 gedachte Generalstaatsanwalt Fritz Bauer der von den Nationalsozialisten ermordeten Anne Frank. Es war an ihrem 34. Geburtstag, heuer wäre sie 87 Jahre alt geworden.

„Wir gedenken der Geburtstage unserer Großen, nicht ihrer Sterbetage, so auch bei Anne Frank“, sagte der hessische Generalstaatsanwalt bei der Gedenkveranstaltung in Frankfurt am Main. Sicher ist nicht entscheidend, daß wir Tag und Stunde ihres Todes nicht genau kennen, sondern nur die Zeit des großen Sterbens in Bergen-Belsen. Wir wählen die Geburtstage und zählen sie weiter, als lebten die Menschen und als seien sie noch unter uns.“

„Lebt Anne Frank heute?“, fragte der Jurist damals und wir fragen uns...

 

„Lebt Fritz Bauer heute?“


Sind die Schriften des Juristen, dem wir soviel Zuversicht und Wahrheit in unserer Geschichte verdanken, gesammelt und publiziert worden? Ist sein Gedenken an Anne Frank möglichst vielen Jugendlichen zugänglich, die nach Antworten suchen in einer Welt, die jeden Tag um Frieden ringt? Ist Fritz Bauers „Kampf um des Menschen Rechte“ eigentlich heute lebendige Wirklichkeit? Wird sein Eintreten gegen Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus, die wir heute täglich erleben, in Schulen und Bildungseinrichtungen als Vorbild eingesetzt? Ist Leben und Werk Bauers ein Kapitel in den Schulbüchern unserer Kinder? Wird sein Anliegen, der Widerstand gegen den Nationalsozialismus und Kampf für die Humanität unserer Rechtsordnung, in Seminaren und an den Universitäten gelehrt?

Sicher, mittlerweile gibt es Filme über Fritz Bauer. Einer handelt vom „Nazi-Jäger“ Dr. Bauer, der mit Rotwein und Tabletten über die Runden kommt. Als Landesverräter wird er bezeichnet, weil er den Aufenthaltsort des NS-Verbrechers Adolf Eichmann den Israelis bekanntgab. Der Film ist vor kurzem "Lola"-Preisträger geworden. Zu lesen war: „Fritz Bauer ist der große Gewinner“. Der Film über „die schleppende Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen“ habe „abgeräumt“. Oder auch, in abgemilderter Form, „Lars Kraumes Biopic über einen couragierten Helden der bundesdeutschen Nachkriegszeit“ habe bereits nach einer halben Stunde drei Preise gehabt: „Sechs Lolas für den Staatsanwalt“.

Ich frage mich, was würden Schülerinnen und Schüler antworten, wenn sie gefragt werden, wer Fritz Bauer war? Könnten sie sagen, welche Veränderungen in Recht und Politik er herbeiführte? Wüssten sie, wer dieser Generalstaatsanwalt und Anwalt für die Menschenrechte war? Wie er aufgewachsen ist, welche Schule er besuchte oder welche Vorbilder und Persönlichkeiten ihn geprägt haben? Wüssten sie, woher sein Mut kam, nach Krieg und Holocaust nach Deutschland zurückzukehren? Woher er das Durchhaltevermögen hatte, gegen die „schleppende Aufarbeitung“ der NS-Verbrechen in Deutschland anzukämpfen, die in Wirklichkeit eine Verharmlosung des Leidens und Überlebenskampfes der Opfer war?

„Solange eines Menschen gedacht wird“, sagte Fritz Bauer 1963, „ist er nicht tot.“ Er fügte hinzu, woran die Geschichte krankt. Dass auch der lebendige Mensch des Gedenkens bedarf, „sonst siecht er dahin und stirbt. Gedenken kann am Leben erhalten oder doch das Sterben oder Erschlagenwerden erleichtern.“

Wer gedenkt heute Fritz Bauer, wieviele sonst?


Fritz Bauer beendete seine Gedenkrede für Anne Frank 1963 mit einem Wort des russischen Schriftstellers Jewgeni Jewtuschenko:

„‚Mir scheint,
die kleine Anne Frank bin ich,
so zart,
wie Zweiglein im Aprilwind wehn.
Ich liebe.
Und ich brauche Phrasen nicht.
Ich brauch nur eins:
das wir einander sehn.
Wie wenig Sicht und Duft
verbleibt uns Armen!
Das Laub, den Himmel
sperrt die Feindes Brut
und doch, wieviel man kann:
Es tut so gut,
im dunklen Raum einander zu umarmen. –
Sie kommen her?
Fürchte nichts, es ist das Gellen
des Frühlings selber –
Der kommt hier herein.
Komm Du zu mir
gib deine Lippen schneller. –
Sie haun die Tür ein?
Nein, das Eis bricht ein ...’

Jewtuschenko denkt an Anne und Peter, deren Liebe alles Eis zum schmelzen bringt. Das Eis bricht, es wird Frühling, die Bäume blühen, wir warten auf die Früchte des Herbstes, auf ein menschliches Du und Ich, auf ein allesverbindendes Wir.“

Die Zitate dieses Gedenkblatts sind dem Band „Die Humanität der Rechtsordnung. Ausgewählte Schriften“ von Fritz Bauer entnommen. Die 1998 veröffentlichten, von Joachim Perels und Irmtrud Wojak ausgesuchten und eingeleiteten Schriften Bauers erschienen im Frankfurter Campus Verlag. Seitdem hat das nach Fritz Bauer benannte Institut, das sich die Rechte gesichert hat, keine der Schriften und Bücher Bauers, die auch antiquarisch kaum noch zu bekommen sind, mehr publiziert.

„Nichts ist Vergangenheit, alles ist Gegenwart und kann wieder Zukunft werden", auch das ist ein Wort von Fritz Bauer. 


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