08.01.2018

Empörung, nicht ängstliche Zurückhaltung ist angesagt

Irmtrud Wojak

Der von dem Leiter der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten Jens-Christian Wagner ausgemachte “erinnerungspolitische Klimawechsel”, durch den das Negative aus der Geschichtserzählung entsorgt werden soll, trifft in erster Linie die Opfer und Überlebenden des NS-Regimes und ihren Kampf für die Menschenrechte. (1) Vergessen sein sollen die gescheiterte Entnazifizierung, die Entsorgung der NS-Verbrechen in der Ära Adenauer, und die Versäumnisse der Wiedergutmachung. Ganz zu schweigen von der quasi reibungslosen Integration der Nationalsozialisten in die Gesellschaft, der wohl schwersten Hypothek.

Vergessen sein sollen auch die Verschleierung der Nazi-Geschichte in der Ära Kohl und das Geschäft mit der Geschichte: ihre (erinnerungs-)politische Nutzbarmachung, die Aneignung als Motor für das von den Konservativen gepriesene neoliberale Erfolgsmodell Deutschland. Zu dieser Entwicklung und dem lange schon spürbar gewordenen Klimawandel gehört das Umdeuten der eigenen Versäumnisse in einen „gelungenen Fehlschlag“ amerikanischer Entnazifizierungspolitik ebenso wie der jahrelang ungeahndet tätige Nationalsozialistische Untergrund (NSU), die Reichsbürger, Identitären und seit einigen Jahren die Alternative für Deutschland (AfD), als deren Folge aggressiv geschürter Nationalismus, neue Mauern, Zäune und Grenzen und wiederum wachsender Rassismus und Antisemitismus in Deutschland und in Europa. Das alles sind Teile und schon längst absehbare Folgen des „erinnerungspolitischen Klimawechsels“.

Dieser „Wandel“ war immer Teil unserer Geschichte nach 1945 und er führt in die Jahre vor 1933 zurück. Durch Widerstand gegen Rechtsextremismus und Nationalsozialismus ist die Mehrheit der Deutschen nicht berühmt geworden. Den Stimmen der Opfer und Überlebenden durch mutiges Handeln Geltung zu verschaffen, überließen sie lieber einigen wenigen und schlossen sich den Unmutigen und Nationalisten an. Dass auf dem jetzigen Tiefpunkt, an dem die CSU-Landesgruppe in Bayern bereits aggressiv eine „konservative Revolution“ à la Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“ ausruft, mehr Menschen ihre Zurückhaltung aufgeben und sich lautstark gegen eine Verharmlosung der Ursachen von Gewalt und gegen neuen Nationalismus empören, gibt Anlass zur Hoffnung und erfordert mehr Unterstützung.

„Empört Euch!“, rief der französische Widerstandskämpfer Stéphane Hessel bereits 2010, der an der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte mitgeschrieben hat. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wurde sein Appell als eine begründungsfreie „Erinnerung an das Beste in uns“ letztendlich lächerlich gemacht. Doch es geht genau darum, wenn die Geschichte und demokratische Grundeinstellungen einem „erinnerungspolitischen Klimawechsel“ zu unterliegen drohen. In dieser Situation bedeutet Abkehr von Politik und ein Verleugnen des zu Recht kritisierten schleichenden Bewusstseinswandels, den Kopf in den Sand zu stecken. Es geht darum, durch ein klares Nein Widerstand zu leisten, wenn die menschliche Geschichte missbraucht und die Wirklichkeit entstellt werden sollen, um sie für aktuelle undemokratische Interessen eines Klimawandels à la AfD & Co. zu nutzen.


Anmerkungen

 

(1) Siehe https://www.ejz.de/ejz_17_111444802-1-_Stiftung-beklagt-erinnerungspolitischen-Klimawechsel.html (abgerufen zuletzt am 08.01.2018); siehe auch http://www.sueddeutsche.de/news/wissen/geschichte---celle-stiftung-beklagt-erinnerungspolitischen-klimawechsel-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-180103-99-484758 (zuletzt abgerufen am 08.01.2018).