11.08.2017

Irmtrud Wojak

Michael Gruenbaums Überlebensgeschichte


Michael Gruenbaum wurde 1930 in Prag in der Tschechoslowakei geboren. Hier wuchs er auf und erlebte mit seiner Schwester Marietta eine ungetrübte Kindheit. Bis die Nationalsozialisten seine Heimatstadt besetzten, die Judenverfolgung auch hier begann und die Familie ins Ghetto umziehen musste. Besonders einschneidend war für die Kinder der Verlust des geliebten Vaters, der von der Gestapo abgeholt und im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet wurde. Schließlich wurde Mischa, wie er gerufen wurde, auch selbst ins KZ gesperrt und überlebte die Jahre 1942 bis 1945 nur knapp.  

In fortgeschrittenem Alter beschloss Michael Gruenbaum seine Geschichte in Form eines Kinderbuches aufzuschreiben. Er wollte erzählen, was ihm als Junge im Alter von neun bis fünfzehn Jahren passiert ist. Denn die Menschen sagen doch immer über den Holocaust: „Vergesst nie!“, meinte er, und fügte hinzu: „Aber bevor man geloben kann, etwas in Erinnerung zu behalten, muss man es erst einmal kennen.“

Michael Gruenbaum stellte sich den brennenden Fragen. Wie kann ein Kind weiterleben, wenn der Vater eines Tages von der Gestapo abgeholt wird und nie mehr nach Hause kommt? Wie gelingt es einem kleinen Jungen mit seiner Mutter und Schwester zweieinhalb Jahre das berüchtigte Konzentrationslager Theresienstadt zu überleben? Eben jenes Lager, das, nur eine Stunde von Prag entfernt in einer alten Garnisonsfestung untergebracht, eine Durchgangsstation in das Vernichtungslager Auschwitz war. Wie lässt sich mit den bis aufs äußerste schmerzhaften Erfahrungen ein neues Leben anfangen? Welche Kräfte waren es, die ihn am Leben bleiben ließen, während gleichzeitig so viele Menschen sterben mussten?

 

Inspirierendes Zeugnis menschlicher Widerstandskraft

Nach seiner Pensionierung hat Michael Gruenbaum seine Geschichte nicht nur auf aufgeschrieben, sondern über alles, woran er sich erinnern konnte und was in sein Gedächtnis eingeschrieben ist, den Schmerz und die ungeheuren Verluste, aber auch die Unterstützung und Solidarität, die ihm beim Überleben halfen, dem Schriftsteller Todd Hasak-Lowy erzählt. Dieser machte aus den Erzählungen, nach weiteren Recherchen in Prag und Theresiendtadt, das Buch Wir sind die Adler. Eine berührende Geschichte, die von Neuanfängen erzählt, während man als Leser_in ständig fürchtet, dass sie schon zu Ende sein könnte.

„Das Buch ist ein erstaunliches Beispiel“, schreibt Michael Gruenbaum im Vorwort selbst, „für den Mut, das Durchhaltevermögen, den Einfallsreichtum und die Widerstandskraft einer einzelnen Person (meiner Mutter), für ihren starken Willen, am Leben zu bleiben, und für die Hoffnung, dass irgendwann wieder bessere Zeiten kommen würden.“ Seine eigenen Fähigkeiten, die er als Kind entwickelte, und wie er es zusammen mit zehn Kindern aus dem Zimmer 7 im Lager Theresienstadt schaffte, am Leben zu bleiben, während achtzig von ihnen ermordet wurden, erwähnt er an dieser Stelle nicht. Doch es ist vor allem dieser Mut und das Durchhaltevermögen des Kindes, die dieses Buch so berührend und fesselnd machen. Die Geschichte lässt einen nicht los, man kann nicht aufhören, weiterzulesen, weil man ständig mit Michael hofft und leidet, leidet und hofft.

Die Zeit in Theresienstadt (Terezín) bildet den Hauptteil (Teil II) des Buches auf rund 200 Seiten, während Teil I auf hundert Seiten die Vorgeschichte in Prag erzählt. Ein fünfzehnseitiger Epilog handelt von der Rückkehr nach Prag und der Auswanderung.

In der New York Times hieß es über das Buch, es helfe das Unvorstellbare vorstellbar zu machen, im Publishers Weekly, es sei ein inspirierendes Zeugnis menschlicher Widerstandskraft. Das Buch ist aber auch ein Zeugnis für das starke Einfühlungsvermögen und den Mut des Schriftstellers Todd Hasak-Lowy, indem er sich traute, sich in die Lage des Kindes Michael zu versetzen und dessen Kampf gleichsam noch einmal aufzunehmen.

Den gesamten Text hat er in der Gegenwart geschrieben, so als würde die Geschichte gerade erst passieren. Der Autor erlebt sie mit und stellt die entscheidenden Fragen: „Warum ist niemand bereit, uns oder den anderen Juden hier in der Gegend zu helfen, obwohl wir ihnen helfen würden, wenn es umgekehrt wäre?“ „Wir dürfen keine Äpfel kaufen ... Wen interessiert es denn, ob wir Äpfel kaufen – was kann das schon für eine Rolle spielen?“ „Womit haben wir das hier denn verdient? Was haben wir getan? Was habe ich getan, dass diese Kinder vor ein paar Wochen dazu gebracht hat, Steine nach mir zu werfen und mich eine Gasse hinunterzujagen?“

Antworten gibt es auf diese Fragen logischerweise nicht, sie werden aber schon bald so drängend, dass dem Protagonisten der Geschichte der Gedanke kommt, dass es in Terezín, im Lager Theresienstadt, wohin jetzt so viele „Transporte“ gehen, womöglich „besser sein muss als hier im elenden Prag, aber wer kann das unter diesen Umständen schon wissen.“ (S. 71)

Kurze Zeit später erfährt Michael vom Tod seines Vaters. Wohlgemerkt, er erfährt nicht die Wahrheit, nur dass „er ... ist“. Mit großer Einfühlsamkeit schildert Todd Hasak-Lowy diesen Augenblick im Leben des Jungen. „Wie ist er ...?“, fragt Mischa seine Mutter. Doch die furchtbare Antwort auf die Frage wird er erst sehr viel später bekommen. In diesem Augenblick beschützt ihne seine Mutter vor der ganzen Wahrheit.

„Wir werden uns durch nichts von unserer Menschlichkeit trennen lassen“

Im November 1942 stehen Margarete Gruenbaum und ihre beiden Kinder dann wie so viele andere ebenfalls auf der Transportliste und müssen nach Theresienstadt "umziehen". Das Wort „Transport“ wird fortan zu einem immer wichtigeren Wort in ihrem Leben. Schon bald wird sich damit die Ungewissheit verbinden, wohin genau die „Transporte“ aus dem Lager Theresienstadt gehen. Und vor allem: Was geschieht eigentlich mit den Menschen in dem Ort namens Birkenau?

Im Lager Theresienstadt angekommen, wird Michael jedoch zunächst einmal von seiner Mutter und Schwester getrennt und mit vierzig Kindern im Schlafsaal 7 untergebracht. „Willkommen bei den Nešarim,“ sagt Franta (Francis Maier) bei der Ankunft zu ihm. „Nešarim,“ klärt ein anderer Junge ihn auf, „heißt ‚Adler’. Wir sind die Adler. Und Franta ist unser Madrich (Lehrer oder Leiter, I.W.).“ Damit beginnt das Kapitel "Terezín".

Ohne ihren "Lehrer" Franta, der selbst damals erst zwanzig Jahre alt ist, hätte vielleicht keiner der Jungen im Schlafsaal 7 das Schulgebäudes im KZ Theresienstadt überlebt. Das mag Spekulation sein, doch Franta ist für die Jungen Vorbild und Vaterfigur in einem und was vor allem zählt: Er lehrt sie unter diesen extremen Bedingungen des Lagers durch Achtung vor dem Anderen und vor sich selbst „als Menschen zu überleben“. "Wenn Mischa nach Prag zurückkehrt“, sagt er zu ihnen, „und Pavel nach Ostrava und ich nach Brünn, dann müssen wir als menschliche Wesen zurückkehren. Als Menschen, die noch in der Lage sind, andere zu respektieren und zu lieben.“ (S. 149)

Was das bedeutet? Franta stellt eine Art Kodex auf, den die Jungen respektieren und der eine Gemeinschaft auf Augenhöhe herstellt. Unter den Bedingungen des Lagers bedeutet diese Gemeinschaft Stärke, ebenso wie die Fußballmannschaft der „Adler“ oder die gemeinsamen Theaterproben für das Stück Brundibar. Es bedeutet gegenseitige Unterstützung, auch Ablenkung und den eigenen Körper zu spüren. Franta lehrt die Jungen damit zugleich, dass es nicht egal ist, für welche Mannschaft sie spielen. „Die Nazis arbeiten auch zusammen“, sagt er. „Wenn man Zehntausende von Menschen mit ausgestrecktem Arm und in perfektem Einklang ‚Heil Hitler’ schreien sieht, dann ist das ein ganz schönes dickes Bündel, was?“ „Deshalb ist es nicht genug zusammenzuarbeiten. Man muss sich auch fragen: Gehöre ich zum richtigen Bündel? Ist das ein Bündel, das ich stärken will, indem ich ihm beitrete?“ (S. 163ff.) Mit anderen Worten, nicht allein das Mitmachen oder Dabeisein zählt, Gemeinsamkeit ist nicht alles, sondern die entscheidende Frage lautet: Wofür will ich kämpfen?

Im Grunde dreht sich das ganze Buch um diese Frage. Weder Michael noch seinen Kameraden ist das damals richtig bewusst, doch Frantas Vorbild macht den Jungen von Zimmer 7 schnell klar, dass sie sich immer, zu jede Stunde, und sei sie auch noch so schwer, entscheiden können: Mache ich mit oder mache ich nicht mit?

Niemals aufgeben

Der 12. Oktober 1944, gut zwei Jahre nach ihrer Ankunft in Terezín, ist das Datum, an dem Mischa, Marietta und ihre Mutter dann selbst auf der Transportliste von Theresienstadt nach Auschwitz stehen. Ihre bislang privilegierte Stellung gilt offenbar nichts mehr. Das ist die Stunde von Mischas Mutter, die es noch einmal erreicht, dass sie und ihre Kinder, wie es heißt, „aus dem Transport ausgeschieden werden“.

Ist es Zufall oder ein Wunder? Margarete Gruenbaum wusste, was sie tun musste, aber sicher sein konnte sie nicht, dass der Zug ohne sie, Mischa und Marietta abfahren würde (S. 283). Ihr Überleben haben die drei der Beharrlichkeit dieser mutigen Frau zu verdanken und gleichzeitig dem Zufall, dass der Versammlungssaal, wo diejenigen, die auf der Liste standen, vor dem Abtransport eingepfercht wurden, schon voll war. Wir wissen nicht, was in dieser Nacht sonst noch geschah, nur dass Margarete Gruenbaum am nächsten Morgen wieder „hingehen wird, um noch mehr reizende Teddybären zu nähen, für die Söhne und Töchter der SS“.

Und Mischa Gruenbaum? Er wird alle die Erfahrungen, die dauernde Todesangst und die Kämpfe, vor allem aber die Liebe seiner Mutter mit in das Leben nach dem Lager nehmen.

Nach der Befreiung das Lagers Theresienstadt 1945 von sowjetischen Soldaten kommen für die drei Überlebenden Gruenbaums bessere Zeiten, doch sie können sich noch immer nicht sicher fühlen. Mit seiner Mutter und Schwester wanderte Michael Gruenbaum aus Angst vor der Machtübernahme der Kommunisten bald nach der Befreiung in die Vereinigten Staaten aus. Zwei Jahre warteten sie auf der Insel Kuba auf eine Einreiseerlaubnis, dann begann das neue Kapitel ihres Leben in den USA. Michael besuchte die Highschool, danach das renommierte Massachusetts Institute of Technology (MIT), er wurde Bauingenieur, Stadtplaner und Bauunternehmer. Im Jahr 2017, als seine Erinnerungen in den USA erstmals publiziert werden, schaut er auf ein erfülltes und glückliches Leben in seiner Heimatstadt Brookline (MA) zurück. Er hat das Unfassbare überlebt.

Hatte Franta nicht genau das seinen Nešarim als Verpflichtung mit auf den Weg gegeben: „Du wirst Dich weiter erinnern, und während Du das tust, wirst Du den Mut aufbringen, Dich dem Rest Deines Lebens zu stellen. ... Bitte versprich mir, dass Du niemals aufgeben wirst.“ Michael Gruenbaum hat diese Zeilen, die Franta ihm nach dem Krieg schrieb, sein Leben lang aufbewahrt. Er wusste, dass sein "Lehrer" Recht hatte, dass das Leben immer ein Kampf ist. Voller Tatendrang denkt er nach der Befreiung aus dem Lager: „Es gibt viel zu tun, zu viel zu sehen und plötzlich spüre ich eine seltsame, erdrückende Verpflichtung, eine Art perfektes Leben zu leben, voller heldenhafter Taten, die so unglaublich sind, dass ich mir nicht mal im geringsten vorstellen kann, welche das sein könnten.“

Nachwort

Das Außergewöhnliche an dem Buch von Michael Gruenbaum und Todd Hasak-Lowy ist, dass es sich nicht wie eine Geschichte der Judenverfolgung oder des Holocaust liest. Vielmehr wird hier eine Geschichte vom Widerstand und Überleben erzählt, als fände sie gerade statt. Als müssten wir uns erinnern und aktuell im eigenen Leben uns auf eine gewisse Art und Weise verhalten. Nicht wie Michael, seine Schwester Marietta oder seine Mutter Margarete, aber vielleicht wie Franta, der "Lehrer", der den Jungen im Theresienstädter Zimmer 7 Liebe und Halt gab.

Diese Haltung und Offenheit gibt dem Buch eine große Wahrhaftigkeit. Ebenso, dass nichts nachträglich hinzugedichtet wird, auch nicht, was für Michael Gruenbaum im Nachhinein ungeheuer wichtig war, nämlich die brutale Art und Weise, auf die die Nazis seinen Vater in Terezín ermordeten, indem sie ihn von Hunden zerreißen ließen. Seine Mutter beschützte ihn vor dieser Wahrheit und die Autoren des Buches handeln danach. Denn diese Wahrheit in der Geschichte vorweg zu nehmen, hätte Michaels „gesamte Erfahrung seiner Inhaftierung in Theresienstadt in bedeutender Weise verändert“ (S. 338). Wie hätte er als Kind mit dem Wissen das Lager überleben können? Hätte er überhaupt überlebt?

Wir wissen es nicht, nur, dass Michael Gruenbaum seinem Buch als Motiv voranstellte: „Bevor man geloben kann, etwas in Erinnerung zu behalten, muss man es erst einmal kennen.


Michael Grünbaum, Todd Hasak-Lowy, Wir sind die Adler. Eine Kindheit in Theresienstadt. 1. Aufl., Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag GmbH, 2017.