18.07.2017

Irmtrud Wojak

Eine Wanderausstellung über politische Häftlinge im Konzentrationslager Bergen-Belsen


Sie sind vielerorts in Vergessenheit geraten: die politischen Häftlinge der Konzentrationslager. Dabei waren sie die Verfolgten, die von den Nationalsozialisten zuerst in die Konzentrationslager deportiert wurden: Antifaschist*innen verschiedenster Couleur, die meisten von ihnen Kommunist*innen und Sozialdemokrat*innen.

„Im öffentlichen Bewusstsein“, so heißt es im Vorwort der 52 Seiten umfassenden, eben erschienenen Broschüre zur Wanderausstellung „Roter Winkel“, die von Studierenden der Leibniz Universität Hannover zusammen mit dem Gedenkstättenleiter Dr. Jens-Christian Wagner erstellt wurde, „sind sie kaum noch präsent – zehntausende Männer und Frauen, die zwischen 1943 und 1945 als politische Gefangene in das KZ Bergen-Belsen verschleppt wurden und von denen die meisten dort verstarben.“ (S. 5)

Wer weiß schon noch, dass mindestens acht Reichstagsabgeordnete in dem Lager ums Leben gebracht wurden, wer kennt außerhalb der Stadt noch den sozialdemokratischen Widerstandskämpfer und ehemaligen Ministerpräsidenten des Freistaats Braunschweig, Heinrich Jasper (1875-1945), den sein NSDAP-Nachfolger Dietrich Klagges vom Tag der so genannten Machtergreifung an unerbittlich verfolgen ließ? Ganz zu schweigen von den Tausenden Widerstandskämpfer*innen aus den von den Nazis besetzten Nachbarländern, darunter Kommandeure der französischen Résistance und der Armia Krajowa, der polnischen Heimatarmee.

Die Hälfte der Häftlinge in Bergen-Belsen waren politische Gefangene, die mit dem „Roten Winkel“ gekennzeichnet wurden, die meisten von ihnen kamen aus Polen, der Sowjetunion, Belgien und Frankreich. Nach einem Überblick über die Geschichte des seit 1940 bestehenden Lagers, wo zunächst Kriegsgefangene inhaftiert wurden, übernahm die SS ab 1943 Teile des KZs, das schließlich zu einem Auffang- und Sterbelager für Arbeitsunfähige und für Häftlinge aus den geräumten Lagern nahe der Kriegsfronten umfunktioniert wurde.

Am Beispiel von acht nach Bergen-Belsen verschleppten politischen Häftlingen zeigt die Ausstellung die Vielfalt der Widerstandsaktivitäten in den besetzten Ländern.

Im Kalten Krieg ging der Kampf um des Menschen Rechte weiter

Diese Einzelschicksale und den Widerstand näher zu erforschen, ist weiterhin eine Aufgabe der Forschung, nicht zuletzt die Selbstbehauptung in den Lagern. Ein Widerstand unter extremsten Bedingungen, der umso mehr zu würdigen ist, als die meisten Deutschen dem NS-Regime zujubelten und es an Widerstand und menschlicher Selbstbehauptung fehlen ließen. Die Infamie des Lagersystems, mit der sie aus Opfern Täter machen wollten, ist dafür ein Beispiel („Zwischen Kollaboration und Widerstand: Kapos“, S. 20).

Die Befreiung bedeutete für die Überlebenden keine sofortige Heimkehr, Tausende starben an den Folgen der Haft in Bergen-Belsen. Polnische Überlebende beispielsweise zögerten, in die unter sowjetischer Kontrolle stehende Heimat zurückzukehren und fürchteten zu Recht neue Drangsalierungen – wieder ein eigenes Kapitel der Verfolgung.

Wurden die politischen Häftlinge, wenn das überhaupt möglich ist, für das Erlittene entschädigt, der Widerstand gewürdigt und ihr Leiden anerkannt? Das sind drängende Fragen, die sich am Schluss der Ausstellung stellen. Der Mut und das Schicksal der Opfer und Überlebenden lenkt den Blick zu Recht auf das Einzelschicksal, den Kampf um des Menschen Rechte, der im Kalten Krieg in Ost wie West weiterging.

Als Bundespräsident Theodor Heuss 1952 die Gedenkstätte Bergen-Belsen eröffnete, so der Schluss der Ausstellung, gedachte er der Leiden der Opfer: „Nichts sagte er aber über die Ermordung der Widerstandskämpfer*innen - erst recht nicht über die Kommunist*innen, die im Kalten Krieg verfolgt wurden.“ Das Anliegen der Überlebenden an die nachfolgende Generation war eine Welt ohne Antisemitismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus, so steht es in ihrem „Vermächtnis“, unterzeichnet am 26. Januar 2009 in Berlin.  Angesichts von Rechtspopulismus, permanenter Verschärfung der Asylgesetzgebung und Abschottung der Grenzen vieler Länder Europas ist ihre Hoffnung bedrohter denn je und umso notwendiger der Mut, den die Widerstandskämpfer*innen uns vorlebten.

Die sehenswerte Ausstellung ist noch bis zum 20. August 2017 täglich von 10 bis 18 Uhr im Forum der Gedenkstätte Bergen-Belsen zu sehen und kann ausgeliehen werden. Sie besteht aus 15 teils miteinander verbundenen Stelltafeln (je 1 m Breite und 1,80 m Höhe) sowie einer quadratischen Biographien-Stele (Seitenbreite 1 m , Höhe 1,80 m) und zwei Vitrinen. 

Zur Webseite der Wanderausstellung der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten