24.06.2017 

Irmtrud Wojak

Zur Neuerscheinung des Vortrags von Fritz Bauer aus dem Jahr 1960

„Endlich eine kurzgefasste, jugendgemäße Darstellung des Nazismus“ 
- Rezension des Juristen Heinrich Hannover (1961)

Die Debattenkultur wird bereichert, wenn aktuelle Texte des Juristen Fritz Bauer wieder aufgelegt werden. Die Europäische Verlagsanstalt (EVA) hat 2016 Bauers Vortrag über „Die Wurzeln faschistischen und nationalsozialistischen Handelns“, gehalten im Oktober 1960 vor Vertretern von Jugendverbänden und erstmals 1965 in der Sammlung res novae der EVA erschienen, neu aufgelegt.

Eine knappe Einleitung zu dem 122 Seiten umfassenden Band, der auch die 1962 auf eine Große Anfrage der SPD-Landtagsfraktion hin zustandegekommene Debatte über Bauers Vortrag dokumentiert (S. 78-108), stammt von David Johst. Dieser meint, Bauers Ansichten würden „heute kaum mehr auf Widerstand ... stoßen“. Zumal die Debatte über den „richtigen Umgang“ mit der NS-Vergangenheit „weitgehend eingehegt“ sei und Konsens über die Geschichte herrsche, mittlerweile sogar eher eine beginnende „formalhafte Erstarrung“ feststellbar sei. Hinter den Bekenntnissen, vermutet Johst, stehe „der gleiche bequeme Gehorsam, die Neigung sich wirtschaftlich und sozial Vorteile zu sichern, wie sie Bauer im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus kritisiert hatte.“ (S. 17)

Was den Umgang mit der Geschichte betrifft, ist Bauers Kritik am Untertanengeist, der sich in der Formel „Gesetz ist Gesetz und Befehl ist Befehl“ verdichtet, also doch kein abgeschlossenes Kapitel.

Der kritische Jurist Heinrich Hannover schrieb 1961 in seiner Rezension über Bauers Vortrag, der gegen den Willen des CDU-geführten Rheinland-Pfälzischen Kultusministeriums publiziert wurde, der Autor weigere sich mit Recht, die Grundlagen des Faschismus „geistig“ zu nennen. Bauer ermögliche Jugendlichen eine geistesgeschichtliche Einordnung der Hitlerzeit und sie „hellhörig zu machen gegenüber falschen und idealistischen Tönen“. Zu hoffen ist daher, dass Jugendliche nicht auf den jüngst von der selbstvergessenen nationalen Kultur der Erinnerung filmisch erschaffenen Anti-Helden Bauer hereinfallen, sondern das Original lesen.

Hier geht es weiter mit der Rezension des Juristen Heinrich Hannover über Bauers Vortrag.

 

Heinrich Hannover

Buchbesprechung: Fritz Bauer, Die Wurzeln nationalsozialistischen Handelns, hrsg. v. Landesjugendring Rheinland-Pfalz, Mainz (o.J.), 35 Seiten.


„Endlich eine kurzgefasste, jugendgemäße Darstellung des Nazismus“

Der nationalsozialistische Abschnitt der deutschen Geschichte ist für viele Angehörige der jüngeren Generation, denen die eigene Anschauung fehlt, eine Anhäufung unverbundener Fakten; unverbunden in zweierlei Sinn: Einmal glauben sie das „Gute“ (worunter sie neben den unvermeidlichen Autobahnen auch – horribile dictu – „Ordnung“ und Antikommunismus verstehen) vom Schlechten (KZ, Angriffskrieg, Einparteienherrschaft) trennen zu können, zum anderen sehen sie diese zwölf Jahre ohne Beziehung zur übrigen deutschen Geschichte, erklärt durch das Unrecht von Versailles, entschuldigt durch die schon damals akute kommunistische Gefahr. Den inneren Zusammenhang der Fakten, die Totalität des Ungeistes und seine Einbettung in gerade Entwicklungslinien der deutschen Geschichte hat der hessische Generalstaatsanwalt Dr. Fritz Bauer in einem Vortrag sichtbar gemacht, der vom Landesjugendring Rheinland-Pfalz als Broschüre veröffentlicht worden ist.

Bauer geht es nicht darum, dem Leser ein phänomenologisches Panoptikum vorzuführen, bei dem man sich als außenstehender, selbstgerechter Zuschauer fühlen und sich über die Schlechtigkeit der anderen, eben der „Nazis“ entrüsten könnte, sondern er knüpft geistige Verbindungen, die spürbar machen, daß nur „der Hitler in uns“ den Hitler über uns möglich gemacht hat – und jeden Tag wieder möglich machen könnte. „Der Nazismus ist nicht vom Himmel gefallen,“ schreibt Bauer und wendet sich gegen die Meinung, es habe in Deutschland alles zum Besten gestanden und sei in Ordnung gewesen, bis der Verbrecher Hitler und seine Spießgesellen gekommen seien und die Dinge auf den Kopf gestellt hätten. „Es gibt keinen ‚Führer’ ohne Menschen, die sich führen lassen. Das Problem Nazismus ist nicht mit einer Psychologie Hitlers und seiner nächsten Umgebung zu lösen ... Die Frage nach den Wurzeln des Nazismus ist daher auch immer eine Frage nach der Empfänglichkeit breitester Schichten für seinen Ungeist und der Bereitschaft vieler, ja allzu vieler deutscher Menschen zu Komplizenschaft.“

Bauer geht auf den Einwand ein, dass die historische Situation im Deutschland nach dem I. Weltkrieg Hitlers Aufstieg erkläre, und widerlegt ihn durch Vergleiche mit anderen Staaten, die sich trotz ähnlicher Notsituationen einem Hitler nie geöffnet hätten. Hitler brauchte eine bestimmte Mentalität, die er nur in Deutschland vorfand. Bauer zeichnet mit großen Strichen die Geschichte obrigkeitsstaatlichen Denkens, eine spezifisch deutsche Geistesgeschichte, die mit der Rezeption des römischen Rechts begann und sich den demokratischen und liberalen Ideen der Menschen- und Bürgerrechte verschloss. Luthers „Obrigkeit“, Hegels Verklärung der Wirklichkeit des Staates, Kants konservatives und positivistisches Verfassungsdenken werden als Symptome für die Weltanschauung und politische Sittenlehre zitiert, die man den deutschen seit dem 16. Jahrhundert bis zum Nazismus gelehrt habe.

Ein auch in den Einzelheiten höchst lehrreicher Unterricht, der konventionelle Denkgewohnheiten unserer Tage in ihrer Selbstverständlichkeit erschüttert und für den aufmerksamen Leser die geistesgeschichtlichen Linien bis in Heute verlängert. Da wird das deutsche Ideal des Beamten, der keine eigene Meinung, keinen Charakter und kein Gewissen haben und als treues und braves Werkzeug zum Guten wie zum Schlechten dienlich sein soll, schonungslos angeprangert; da wird die „Vergötzung des Gesetzes“ und eine ihm entsprechende fiktive Staatsmoral gegeißelt, die „um das rohe Geschehen der Außenpolitik den Mantel der Ethik (breitet) und den Schauspielern ein gutes Gewissen“ sichert, die Lehre von der doppelten Moral, die den Staat und seine Funktionäre unter ein anderes Moralgesetz als das für den Alltag des Einzelnen gültige stellt.

Es ist nicht möglich, die Fülle der Gedanken auch nur abrisshaft anzudeuten, die Bauer auf knapp 30 Seiten verdichtet hat. Mit dieser Schrift ist endlich eine kurzgefasste, leicht verständliche und jugendgemäße Darstellung der Grundlagen (Bauer weigert sich mit recht, sie „geistig“ zu nennen) des Faschismus und Nazismus gegeben, die man jungen Menschen in die Hand drücken kann, um ihnen eine geistesgeschichtliche Einordnung der Hitlerzeit zu ermöglichen und sie hellhörig zu machen gegenüber den falschen idealistischen Tönen, mit denen sich faschistisches Denken und Handeln zu tarnen pflegt.