08.11.2016

Zur Neuausgabe eines Textes aus dem Jahr 1960

Kurt Nelhiebel

K. Nelhiebel © M. HermannFritz Bauer ist seit langem tot aber - salopp ausgedrückt - nicht totzukriegen oder besser gesagt totzuschweigen. Drei Spielfilme wurden in jüngster Zeit über ihn gedreht, in denen der wahre, der politische Fritz Bauer keine Rolle spielt. Gleichwohl haben sie das Interesse an diesem außergewöhnlichen Menschen geweckt. Viele wollen mehr über den Mann erfahren, dem die Würde des Menschen über alles ging, der sich in Liebe zu seinen Mitmenschen verzehrte und trotzdem nicht so recht heimisch werden konnte in Deutschland, das den von den Nazis Vertriebenen nur widerstrebend wieder aufnahm, als er aus dem Exil zurückkehrte, um beim Aufbau einer demokratischen Gesellschaft zu helfen. Entzündet hatte sich die alte Feindschaft eines Teils seiner Landsleute unter anderem an einem Vortrag, den Fritz Bauer als hessischer Generalstaatsanwalt 1960 auf Einladung des Landesjugendringes von Rheinland-Pfalz über „Die Wurzeln faschistischen und nationalsozialistischen Handelns“ gehalten hat. Er beklagte darin Untertanengeist und mangelnde Zivilcourage gegenüber der Obrigkeit. Sein Fazit: „Die Frage nach den Wurzeln des Nazismus ist daher auch immer die Frage nach der Empfänglichkeit breitester Schichten für seinen Ungeist und nach der Bereitschaft vieler, ja allzu vieler Menschen zur Komplizenschaft“.

Damit hatte Bauer die konservative Crème der deutschen Nachkriegsgesellschaft an einer empfindlichen Stelle getroffen. Der rheinland-pfälzische Kultusminister Eduard Orth (CDU) untersagte 1962 die vom Landesjugendring vorgeschlagene Verbreitung des Textes an den höheren Schulen und an den Berufsschulen des Landes. Der Jugendring hatte das in seinen Augen tief schürfende Referat im Jahr davor drucken lassen und ihm ein Geleitwort vorangestellt, in dem es heißt: „Möge es uns allen helfen, durch echte Selbsterkenntnis frei zu werden von der Schuld der Vergangenheit, aber auch frei zu werden zur sinnvollen Tat in künftigen Lebensentscheidungen unseres Volkes.“ Der Kultusminister hielt den Inhalt der Broschüre für „sachlich fragwürdig und von einseitiger Betrachtungsweise geprägt“. Er stützte sich dabei auf die Aussagen mehrerer anonymer Gutachter. Drei Jahre später brachte die Europäische Verlagsanstalt eine allem Anschein nach von Fritz Bauer autorisierte Fassung heraus, dann verschwand der Text in der Versenkung. Das nach Fritz Bauer benannte und mit öffentlichen Mitteln geförderte Institut zur Erforschung des Holocaust in Frankfurt hält den Vortrag Fritz Bauers über die Wurzeln faschistischen und nationalsozialistischen Handelns bis heute vor der Öffentlichkeit verborgen.

Umso erfreulicher, dass die Europäische Verlagsanstalt mit einer Neuauflage den Wünschen vieler Kinobesucher entspricht, die in den Spielfilmen erstmals mit Fritz Bauer in Berührung gekommen sind. Ein 2010 bei der Uraufführung mit viel Beifall bedachter und mit dem Prädikat „Besonders wertvoll“ ausgezeichneter Dokumentarfilm über Leben und Sterben Fritz Bauers findet seither international große Beachtung, wird aber in Deutschland den Zuschauern des Ersten Deutschen Fernsehens vorenthalten. Ein medienpolitischer Skandal, der nach Aufklärung schreit, zumal da Fritz Bauer fünfzig Jahre nach seinem Tod den Deutschen wieder den Spiegel vorhält. Je schwächer die Menschen seien und je mehr sie von Minderwertigkeitskomplexen geplagt würden, desto mehr riefen sie nach Härte gegen die noch Schwächeren und desto gewalttätiger und brutaler träten sie auf, „um ihr eigenes Ungenügen und das Fiasko ihres Daseins zu verbergen“. Hellsichtiger und schärfer als Fritz Bauer das vor einem halben Jahrhundert getan hat, lässt sich kaum beschreiben, was sich bei uns seit der Vereinigung Deutschlands an Feindseligkeit gegenüber Menschen mit anderer Hautfarbe und anderem Glauben austobt.

Die Landtagsfraktion CDU in Rheinland-Pfalz hatte dem Jugendring 1962 vorgeworfen, er trage mit der Verbreitung des Vortrages von Fritz Bauer über die Wurzeln nazistischen Handelns dazu bei, die Jugend zur Vaterlandslosigkeit zu erziehen. Auf Antrag der SPD-Opposition kam es zu einer Debatte im Landtag, die in der Neuausgabe auszugsweise dokumentiert wird. Sie vermittelt einen Eindruck davon, wie die Regierungsparteien CDU und FDP auf Bauers Analyse der Ursachen für das Aufkommen der Nazibewegung reagierten. Kultusminister Orth sagte, er müsse die Broschüre für die Schulen nicht nur aus historischer Sicht ablehnen, sondern er habe auch Bedenken politischer Art. In den Jahren vor 1933 hätten die Gegner der Demokratie durch das ständige Untergraben der moralischen Autorität ihrer politischen Gegner dazu beigetragen, die demokratische Staatsform zunächst suspekt zu machen, um sie dann später zerstören zu können. Damit wurde Fritz Bauer in die Nähe der Nazis gerückt. Ein Abgeordneter der Freien Demokraten beschuldigte den hessischen Generalstaatsanwalt, kein Verhältnis zur Geschichte zu haben und verstieg sich zu der Behauptung, der Nationalsozialismus sei „von der Mehrzahl der Deutschen abgelehnt worden“.

Einen Tag vor der Landtagsdebatte hatte sich Fritz Bauer am 9. Juli 1962 in einem Brief an den Landesjugendring mit dem Vorwurf auseinandergesetzt, er leiste der „fast krankhaften Vaterlandslosigkeit“ vieler Deutscher Vorschub. Auch dieses Schreiben kann in der Neuausgabe nachgelesen werden. In jedem Menschen und in jedem Volk wohnten zwei Seelen, argumentierte Fritz Bauer. Nicht ohne Grund habe Thomas Mann den Doktor Faustus zum Symbol gewählt, um den Zwiespalt in Deutschland und das mephistophelische Wirken des Nazismus darzustellen. Bewältigung unserer Vergangenheit, so Fritz Bauer in dem Schreiben an den Landesjugendring, heiße Gerichtstag halten über uns selbst, Gerichtstag über die gefährlichen Faktoren in unserer Geschichte, woraus sich zugleich ein Bekenntnis zu wahrhaft menschlichen Werten ergebe. Er sehe darin nicht, wie ein Teil seiner Kritiker meine, eine Beschmutzung des eigenen Nestes, vielmehr werde das Nest dadurch gesäubert. Schon einmal habe man von vaterlandslosen Gesellen gesprochen, aber diese „Gesellen“, die für Frieden, Völkerverständigung und einen demokratischen und sozialen Rechtsstaat eingetreten seien, hätten ihr Vaterland besser und klüger geliebt, als ihre Gegner. In einem Nachwort schreibt Bauer zur Landtagsdebatte, sie habe die Frage von Ursache und Wirkung kaum berührt. Dem Vorwurf, er habe Kant „madig“ gemacht, hielt er entgegen, auch Adolf Eichmann habe sich vor Gericht in Jerusalem auf Kants Ethik berufen. Aber schon Hegel habe gewusst, dass mit dem „kategorischen Imperativ“ so ziemlich alles auf Gottes Erdboden legalisiert werden könne.

Kein Zweifel - das Weltbild des Sozialisten Fritz Bauer unterschied sich grundlegend von dem seiner politischen Widersacher. Wenn es jetzt im Vorwort der Neuausgabe heißt, Bauers damaliger Text ließe sich „mit guten Gründen kritisieren“, dann muss daran erinnert werden, dass der hessische Generalstaatsanwalt 1960 nicht vor Teilnehmern eines juristischen Proseminars gesprochen hat, sondern vor politisch interessierten jungen Menschen, die nach Argumenten gegen den Rechtsextremismus suchten. Und wenn den Gutachtern des Kultusministers von Rheinland-Pfalz obendrein noch bescheinigt wird, sie hätten Bauer zu Recht eine „Vereinfachung komplexer historischer Zusammenhänge“ vorgeworfen, warum werden dann nicht auch ihre Namen genannt? Dass der eine oder andere alte Nazi darunter gewesen sein könnte, sollte kein Hinderungsgrund sein, zumal da Bauers Ansichten, wie das Vorwort einräumt, „heute kaum mehr auf Widerstand oder auch nur Widerspruch stoßen“.

Fritz Bauer, Die Wurzeln faschistischen und nationalsozialistischen Handelns. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt 2016, 122 S.

Foto: Kurt Nelhiebel © Mania Hermann