06.08.2016

Rezension
Irmtrud Wojak

Thomas Galli
Thomas Galli

Der hessische Generalsstaatsanwalt Dr. Fritz Bauer sagte einmal, die Schuldstrafe stamme „aus der Affenzeit“ (DER SPIEGEL, Nr. 25, 1964). Sein Plädoyer lautete, das Gute im Menschen müsse freigeschaufelt werden und es müssten ihm Bedingungen geschaffen werden, zu wachsen.

Sowenig Fritz Bauers Kritik an den Entwürfen zur Strafrechtsreform an Aktualität verloren hat, so aktuell ist das Buch des Gefängnisleiters und Psychologen Thomas Galli Die Schwere der Schuld, das im Verlag „Das neue Berlin“ erschienen ist. Es versammelt neun Geschichten über Schwer- und Schwerstverbrecher, neun von rund 62.000 Geschichten von Menschen, die in Deutschland hinter Gittern leben müssen. Die Wenigsten gehören zur Gruppe der Schwerverbrecher und das ist einer der Gründe, die den Rechtswissenschaftler, der auf fünfzehn Jahre praktische Erfahrung in Haftanstalten zurückblicken kann, zu der Frage führten, in welchen Fällen jahre- und jahrzehntelange Haftstrafen hinter Gittern eigentlich gut sind.

 

„Es schnürt einem die Luft zum Leben ab...“


Selten findet man ein Buch über den Umgang mit den Schwächsten in unserer Gesellschaft und die Institution Gefängnis, das so ohne erhobenen Zeigefinger und ohne falsche Moral daherkommt. Hier ist es der Fall. Der Autor, sich der schwersten aller Erkenntnisse bewusst, schreibt: „Es gehört zu den Unausweichlichkeiten unserer Existenz, dass der Mensch alles Unheil, nicht aber alles Heil in die Welt bringen kann.“ (S. 11) Jede der Verbrechensgeschichten, die Thomas Galli erzählt, handelt von der Erkenntnis, dass sich einmal zugefügtes schweres Leid nicht wiedergutmachen lässt.

Die Schwere der Schuld bleibt für immer, für das Opfer ebenso wie für den Täter.

Was aber können wir tun, um Wiederholungen und neue Gewaltverbrechen zu verhindern? Welche Alternativen gibt es zur Vergeltung durch Gefängnisstrafe, wenn diese wenig bis nichts bewirkt, außer den (Ver-)Einzelten noch weiter an den Rand der Gesellschaft zu drängen, wo er noch weniger Verantwortung übernimmt als vor seiner Verhaftung?

„Den Willen zu brechen oder zu stoppen, der darin besteht, anderen Schaden zuzufügen, das macht für mich Sinn“, sagt einer der Täter in dem Buch und weiter: „Aber meinen Willen, mich freizubewegen, mein Leben selbst zu gestalten, es so weit als möglich lebenswert zu machen, diesen Willen darf ich nicht ausleben. Was soll mir dann noch von meiner Würde bleiben? Meine Würde liegt ganz in Eurem Ermessen. Das ist keine Würde. Das ist ein Gnadenbrot.“ (S. 17)

Wie die totale Institution Gefängnis den Insassen die Luft zum Leben abschnürt und welche Mittel diese erfinden und anwenden, um sich irgendwie Luft im komplett durchorganisierten Gefängnisalltag zu verschaffen – sprich Drogen, Lügen, Mafiastrukturen bis hin zu Geiselnahmen in Kauf nehmen –, das erzählt Thomas Galli ohne falsches Mitleid mit den Tätern. Er berichtet von den Taten aus der Sicht des Leidens der Opfer und sucht eine Erklärung dafür, wie und unter welchen Umständen es zu der Schwere der Tat kommen konnte – um gleichzeitig die notwendige Frage zu stellen, ob Gefängnisstrafen sinnvoll sind und ob sie eigentlich Rückfälle und neue Verbrechen verhindern. Schließlich kommt fast jeder Verbrecher eines Tages wieder auf freien Fuß.

Was bedeutet also eigentlich Resozialisierung, wo kann sie anfangen, wo hört sie auf, muss sie nicht an der Institution Gefängnis, schon allein aufgrund ihrer Bürokratie und zwangsläufigen Monotonie, sowieso scheitern?


Spirale der Gewalt


Bleibt die Frage, wo eigentlich anfangen mit der Heilung, ansetzen mit der Besserung und Vorbeugung, wenn die Spirale der Gewalt durch Vergeltung vielfach erst eröffnet und der Teufelskreis dadurch nicht durchbrochen wird (S. 24), was Thomas Gallis Beispielgeschichten in aller Schärfe und Schmerzhaftigkeit verdeutlichen.  

Der Gefängnisdirektor kennt die Antwort, die kein Patentrezept beinhaltet, und er weiß, dass sie ihm übel genommen werden kann, ja wird. Es geht Thomas Galli nämlich nicht darum, die Notwendigkeit der Resozialisierung in Frage zu stellen. Ohne Resozialisierung geht es nicht, seien die entsprechenden Maßnahmen auch noch so wenig erfolgversprechend, es sei denn, humane Grundsätze würden aufgegeben. (Wie beispielsweise bei den NS-Verbrechern, die trotz geringer Erfolgschancen aus Sicht Fritz Bauers dennoch der Resozialisierung bedurft hätten.)

Die Geschichten, die Thomas Galli erzählt, stoßen uns auf die Ursachen der Spirale der Gewalt. Sie legen die Wurzeln bloß, die, wenn sie ausgerissen und beseitigt werden könnten, das Unrechtssystem sofort abstellen würde.

Warum wir es nicht tun, warum wir scheinbar nicht helfen können, warum die Erinnerung daran so schwer ist? Thomas Gallis Geschichten geben darauf eine Antwort, die die Wenigsten hören können oder wollen, weil sie nicht bei den Straftätern beginnt, sondern bei jedem Einzelnen, bei der Gesellschaft und uns selbst. Die Antwort setzt da an, wo die Macht und der Selbstbetrug beginnen, in der Kindheit und Jugend. Das ist schwer erträglich, schließlich sind wir dafür alle (mit-)verantwortlich. Doch umso mutiger ist dieses Buch, das eine tiefgründige Warnung vor falscher Selbstgerechtigkeit ist.

Vgl. weitere BLOG-Beiträge über das Buch von Thomas Galli unter:
http://www.thomas-galli.de/?author=1

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