15.08.2017

Christian Ritz

Zum 100. Geburtstag von Óscar Romero am 15. August 2017

Über die Biographie von Martin Maier SJ


„Wenn ich Papst wäre, würde ich Oscar Romero morgen seligsprechen. Doch ich werde niemals Papst“, äußerte Kardinal Jorge Mario Bergoglio 2007. Mit der zweiten Aussage hatte er Unrecht. 2013 zum Papst gewählt, hielt Franziskus indes erstgenanntes Versprechen: Am 3. Februar 2015 erklärte er den am 24. März 1980 von Todesschwadronen im Auftrag des Militärregimes ermordeten Erzbischof El Salvadors zum Märtyrer und ebnete damit den Weg für dessen Seligsprechung. Im Zuge seiner immer stärker hervortretenden Hinwendung zu den Unterdrückten seines Landes vertrat Oscar Romero ein Kirchenverständnis und eine befreiungstheologische Grundposition, die in den 1970er und 80er Jahren auf vehemente innerkirchliche Widerstände stieß und stets dem Vorwurf ausgesetzt war, kirchliche Lehre weltlichen linken Ideologien preiszugeben. Befreiungstheologische Ansätze prägen auch Papst Franziskus, der sein Pontifikat bereits mit seiner Namensgebung an der Programmatik einer Kirche der Armen ausrichtete.

Martin Maier SJ stand am Anfang seines jesuitischen Werdegangs, als er von der Ermordung Oscar Romeros erfuhr. Der Lebensweg des salvadorianischen Erzbischofs hat ihn seither, wie er bekennt, nicht mehr losgelassen. Jahre später wirkte er selbst als Pfarrer in El Salvador, lernte die beiden Befreiungstheologen Jon Sobrino SJ und Ignacio Ellacuría SJ kennen, die ehedem Wegbegleiter und enge Berater Romeros waren. (S.11).

Der Reihe bereits existierender Biografien[1] hat Maier, profunder Kenner des Lebensweges und Denkens Romeros, mit diesem bereits 2015 erschienen Buch keine weitere hinzugefügt. Zwar rekonstruiert er in einem ersten chronologischen Kapitel (S.15-88) die Lebensstationen des Erzbischofs, der Fokus bleibt hierbei jedoch konsequent bei der inneren Auseinandersetzung Romeros. Im Zentrum der Darstellung steht vielmehr ein innerer Wandlungsprozess, die „Bekehrung“ Romeros; die Arbeit begleitet auf sehr sensible Weise das Erkennen und Eingestehen von „Irrtümern“ auf dem Weg des Bischofs von einem eher konservativ orientierten Kirchenmann an der Seite der herrschenden Oberschicht, der befreiungstheologischen Ansätzen deutlich ablehnend gegenüberstand, hin zu einem seinem Gewissen bis zur letzten Konsequenz folgenden Verfechter einer Kirche der Armen.

11.08.2017

Irmtrud Wojak

Michael Gruenbaums Überlebensgeschichte


Michael Gruenbaum wurde 1930 in Prag in der Tschechoslowakei geboren. Hier wuchs er auf und erlebte mit seiner Schwester Marietta eine ungetrübte Kindheit. Bis die Nationalsozialisten seine Heimatstadt besetzten, die Judenverfolgung auch hier begann und die Familie ins Ghetto umziehen musste. Besonders einschneidend war für die Kinder der Verlust des geliebten Vaters, der von der Gestapo abgeholt und im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet wurde. Schließlich wurde Mischa, wie er gerufen wurde, auch selbst ins KZ gesperrt und überlebte die Jahre 1942 bis 1945 nur knapp.  

In fortgeschrittenem Alter beschloss Michael Gruenbaum seine Geschichte in Form eines Kinderbuches aufzuschreiben. Er wollte erzählen, was ihm als Junge im Alter von neun bis fünfzehn Jahren passiert ist. Denn die Menschen sagen doch immer über den Holocaust: „Vergesst nie!“, meinte er, und fügte hinzu: „Aber bevor man geloben kann, etwas in Erinnerung zu behalten, muss man es erst einmal kennen.“

Michael Gruenbaum stellte sich den brennenden Fragen. Wie kann ein Kind weiterleben, wenn der Vater eines Tages von der Gestapo abgeholt wird und nie mehr nach Hause kommt? Wie gelingt es einem kleinen Jungen mit seiner Mutter und Schwester zweieinhalb Jahre das berüchtigte Konzentrationslager Theresienstadt zu überleben? Eben jenes Lager, das, nur eine Stunde von Prag entfernt in einer alten Garnisonsfestung untergebracht, eine Durchgangsstation in das Vernichtungslager Auschwitz war. Wie lässt sich mit den bis aufs äußerste schmerzhaften Erfahrungen ein neues Leben anfangen? Welche Kräfte waren es, die ihn am Leben bleiben ließen, während gleichzeitig so viele Menschen sterben mussten?

 

26.07.2017


The Raoul Wallenberg Research Initiative RWI-70

Die Raoul Wallenberg Research Initiative (RWI-70) begrüßt und unterstützt die Entscheidung von Marie Dupuy, Nichte von Raoul Wallenberg, Klage gegen russische Behörden in Moskau zu erheben, um den uneingeschränkten Zugang zu Unterlagen des Geheimdienstes FSB (Bundesagentur für Sicherheit der Russischen Föderation) zu erwirken. Bei den Dokumenten handelt es sich um die offiziellen Gefängnisregister von zwei Moskauer Gefängnissen, dem Inneren (Lubjanka) Gefängnis und dem Gefängnis von Lefortovo, für die Jahre 1945 bis 1947. Die Eintragungen betreffen Raoul Wallenberg und seinen Fahrer, Vilmos Langfelder, der im Januar 1945 zusammen mit Wallenberg in Ungarn verhaftet wurde. Sie betreffen darüber hinaus Gefangene mit direktem Bezug zum Wallenberg-Fall, darunter Wallenbergs langjährigen Zellkameraden, den deutschen Diplomaten Willy Rödel.

Die russischen Behörden haben im Jahr 1991 Kopien dieser Dokumente stark zensiert veröffentlicht. Trotz zahlloser Anträge von Frau Dupuy, Historikern und schwedischen Diplomaten, haben die russischen Stellen über mehr als zwei Jahrzehnte eine unabhängige Überprüfung der Unterlagen im Original verweigert. Dies stellt einen Verstoß gegen das russische wie das Völkerrecht dar. Die in den beantragten Dokumente enthalten Informationen könnten es Forschern ermöglichen, einen derzeit unbekannten 'Gefangenen Nr.7 ' zu identifizieren, der am 22. und 23. Juli 1947 - sechs Tage nach Wallenbergs offiziellem Todesdatum (17. Juli 1947) - zusammen mit Vilmos Langfelder verhört wurde. FSB-Archivare haben 2009 öffentlich behauptet, dieser 'Gefangene Nr.7' sei "mit großer Wahrscheinlichkeit Raoul Wallenberg" . Offenbar haben im Jahr 1991 russische Stellen vorsätzlich wichtige Unterlagen zum Wallenberg Fall und speziell zum ''Gefangenen Nr. 7 ' unterschlagen, eine Entscheidung, für die bislang keine vollständige Erklärung vorliegt.


Kontakt

Susanne Berger, Koordinator
RWI-70, 6045 25. Rd N, Arlington, VA 22207 USA
E-Mail:  Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Phone:  001 571 594 1701

 
Raoul Wallenbergs Nichte verklagt Russland
Marie Dupuy                    

26. Juli 2017
 
Heute morgen habe ich meine Anwälte (Team 29) beauftragt, juristische Schritte in Moskau einzuleiten, um den Zugang zu bestimmten Dokumenten zu erwirken, die das Schicksal meines Onkels, dem 1945 in Russland verschwundenen schwedischen Diplomaten Raoul G. Wallenberg, klären können.

Ich habe lange gezögert, diesen Schritt zu unternehmen und ich habe es erst getan, nachdem zahlreiche Anfragen an russische Behörden, öffentliche wie private, über zwei Jahrzehnte - von mir selbst, von Historikern und schwedischen Diplomaten - ergebnislos blieben. Im September 2016 bin ich zusammen mit anderen Mitgliedern unserer Familie und einer Delegation von Forschern nach Moskau gereist, um mich persönlich mit Vertretern des russischen Außenministeriums (MID) und der Bundesagentur für Sicherheit der Russischen Föderation (FSB) auszutauschen. Bei diesem Treffen überreichten wir einen umfassenden Katalog von bislang unbeantworteten Fragen und Forschungsanträgen. Bevor diese Fragen nicht beantwortete sind, kann die Suche nach Raoul Wallenbergs Schicksal nicht beendet werden. Bislang haben wir keine zufriedenstellende Antwort erhalten.
 
Raouls Familie - seine Eltern, Maj und Fredrik von Dardel und seine Geschwister, Guy von Dardel und Nina Lagergren - kämpft seit über sieben Jahrzehnten, um zu erfahren, was nach seiner Verschleppung durch sowjetische Militäreinheiten im Januar 1945 in Budapest mit ihm in sowjetischer Haft geschehen ist. Die heute eingereichte Klage setzt die Forschungsarbeit meines Vaters, Guy von Dardel,fort, die er mit russischen und internationalen Forschern und anderen Wallenberg Experten in den 90ziger Jahren durchgeführt hat. In den letzten Jahren wurde offensichtlich, dass russische Archivsammlungen wichtige Dokumente enthalten, die für die Suche nach Raoul relevant sind, die aber weder unsere Familie noch unabhängige Experten einsehen durften. Um den Fall Wallenberg zu lösen, benötigen wir dringend Zugang zu diesen Dokumenten.
Für uns ist die Familie von zentraler Bedeutung. Aus diesem Grund werden wir unsere Suche fortsetzen, bis wir genau wissen, was mit Raoul Wallenberg geschehen ist und warum.


Kontakt

Katya Alalykina, Pressesprecherin 
Team 29
  
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ARTIKEL IN FOX-NEWS

18.07.2017

Irmtrud Wojak

Eine Wanderausstellung über politische Häftlinge im Konzentrationslager Bergen-Belsen


Sie sind vielerorts in Vergessenheit geraten: die politischen Häftlinge der Konzentrationslager. Dabei waren sie die Verfolgten, die von den Nationalsozialisten zuerst in die Konzentrationslager deportiert wurden: Antifaschist*innen verschiedenster Couleur, die meisten von ihnen Kommunist*innen und Sozialdemokrat*innen.

„Im öffentlichen Bewusstsein“, so heißt es im Vorwort der 52 Seiten umfassenden, eben erschienenen Broschüre zur Wanderausstellung „Roter Winkel“, die von Studierenden der Leibniz Universität Hannover zusammen mit dem Gedenkstättenleiter Dr. Jens-Christian Wagner erstellt wurde, „sind sie kaum noch präsent – zehntausende Männer und Frauen, die zwischen 1943 und 1945 als politische Gefangene in das KZ Bergen-Belsen verschleppt wurden und von denen die meisten dort verstarben.“ (S. 5)

Wer weiß schon noch, dass mindestens acht Reichstagsabgeordnete in dem Lager ums Leben gebracht wurden, wer kennt außerhalb der Stadt noch den sozialdemokratischen Widerstandskämpfer und ehemaligen Ministerpräsidenten des Freistaats Braunschweig, Heinrich Jasper (1875-1945), den sein NSDAP-Nachfolger Dietrich Klagges vom Tag der so genannten Machtergreifung an unerbittlich verfolgen ließ? Ganz zu schweigen von den Tausenden Widerstandskämpfer*innen aus den von den Nazis besetzten Nachbarländern, darunter Kommandeure der französischen Résistance und der Armia Krajowa, der polnischen Heimatarmee.

Die Hälfte der Häftlinge in Bergen-Belsen waren politische Gefangene, die mit dem „Roten Winkel“ gekennzeichnet wurden, die meisten von ihnen kamen aus Polen, der Sowjetunion, Belgien und Frankreich. Nach einem Überblick über die Geschichte des seit 1940 bestehenden Lagers, wo zunächst Kriegsgefangene inhaftiert wurden, übernahm die SS ab 1943 Teile des KZs, das schließlich zu einem Auffang- und Sterbelager für Arbeitsunfähige und für Häftlinge aus den geräumten Lagern nahe der Kriegsfronten umfunktioniert wurde.

Am Beispiel von acht nach Bergen-Belsen verschleppten politischen Häftlingen zeigt die Ausstellung die Vielfalt der Widerstandsaktivitäten in den besetzten Ländern.

24.06.2017 

Irmtrud Wojak

Zur Neuerscheinung des Vortrags von Fritz Bauer aus dem Jahr 1960

„Endlich eine kurzgefasste, jugendgemäße Darstellung des Nazismus“ 
- Rezension des Juristen Heinrich Hannover (1961)

Die Debattenkultur wird bereichert, wenn aktuelle Texte des Juristen Fritz Bauer wieder aufgelegt werden. Die Europäische Verlagsanstalt (EVA) hat 2016 Bauers Vortrag über „Die Wurzeln faschistischen und nationalsozialistischen Handelns“, gehalten im Oktober 1960 vor Vertretern von Jugendverbänden und erstmals 1965 in der Sammlung res novae der EVA erschienen, neu aufgelegt.

Eine knappe Einleitung zu dem 122 Seiten umfassenden Band, der auch die 1962 auf eine Große Anfrage der SPD-Landtagsfraktion hin zustandegekommene Debatte über Bauers Vortrag dokumentiert (S. 78-108), stammt von David Johst. Dieser meint, Bauers Ansichten würden „heute kaum mehr auf Widerstand ... stoßen“. Zumal die Debatte über den „richtigen Umgang“ mit der NS-Vergangenheit „weitgehend eingehegt“ sei und Konsens über die Geschichte herrsche, mittlerweile sogar eher eine beginnende „formalhafte Erstarrung“ feststellbar sei. Hinter den Bekenntnissen, vermutet Johst, stehe „der gleiche bequeme Gehorsam, die Neigung sich wirtschaftlich und sozial Vorteile zu sichern, wie sie Bauer im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus kritisiert hatte.“ (S. 17)

Was den Umgang mit der Geschichte betrifft, ist Bauers Kritik am Untertanengeist, der sich in der Formel „Gesetz ist Gesetz und Befehl ist Befehl“ verdichtet, also doch kein abgeschlossenes Kapitel.

Der kritische Jurist Heinrich Hannover schrieb 1961 in seiner Rezension über Bauers Vortrag, der gegen den Willen des CDU-geführten Rheinland-Pfälzischen Kultusministeriums publiziert wurde, der Autor weigere sich mit Recht, die Grundlagen des Faschismus „geistig“ zu nennen. Bauer ermögliche Jugendlichen eine geistesgeschichtliche Einordnung der Hitlerzeit und sie „hellhörig zu machen gegenüber falschen und idealistischen Tönen“. Zu hoffen ist daher, dass Jugendliche nicht auf den jüngst von der selbstvergessenen nationalen Kultur der Erinnerung filmisch erschaffenen Anti-Helden Bauer hereinfallen, sondern das Original lesen.

Hier geht es weiter mit der Rezension des Juristen Heinrich Hannover über Bauers Vortrag.